Katzenjammer – Stefani Hid (Kapitel 3) Exzerpt

Posted on February 6, 2013

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katzenjammer

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DEPOK, AUGUST 2005

AL PACINO

Am Anfang stand stets eine Zwangsvorstellung. Zu diesem Ergebnis kam Aya immer öfter. Für ihre Zwangsvorstellungen gab es zwei Ursachen: die Liebe und die Angst vor irgendetwas. Die wahnhaften Ideen schlugen ihre spitzen Krallen so tief in ihren Kopf, dass sie an nichts anderes mehr denken konnte: ihre Gedanken kreisten unaufhörlich nur um diese eine Sache und drängten alles andere an den Rand. Obwohl dieser Zustand Aya Angst einflößte, konnte sie ihm nicht entfliehen. Bestimmte fixe Ideen krallten sich in ihrem Kopf fest wie Pflanzen, deren Wurzeln sich tief in die Erde eingraben. Aya vermochte es selbst kaum zu begreifen, wieso diese zwanghaften Vorstellungen ihr Leben so sehr beeinflussen und ihr ganzes Denken beherrschen konnten. Nur eines wusste sie: dass sie da waren.

Wenn sie sich vor irgendetwas fürchtete, dann konnte sie sich sicher sein, dass eine krankhafte Angst sie belästigen und ihr Spiel mit ihr treiben würde. Dem konnte sie einfach nicht entrinnen. Ihr Ich würde bei dem durch die wahnhafte Idee ausgelösten beunruhigenden Spiel mitmachen. Aya musste ständig an das denken, was sie beunruhigte. Sie ließ sich davon beherrschen, sie fühlte sich verunsichert und gepeinigt, und doch nahm ihr Ich freiwillig an dem angsterfüllten Spiel teil. Aya war bewusst, dass sie sich selbst quälte, aber sie wusste nicht, warum sie es tat und warum sie sich nicht anders oder schlicht vernünftig verhielt. Denn gewiss wollte sie nicht verletzt werden, sondern einfach gerne glücklich sein.

Wenn es um Dinge ging, die Aya mochte und liebte, dann ließ sie sich völlig davon beherrschen. Sie wollte das, was sie liebte, immer spüren, in jedem Moment, und dachte pausenlos darüber nach, immer und immer wieder, wie eine Wahnsinnige, bis sie schließlich in einen aufgelösten Zustand geriet, in dem sie unfähig war, überhaupt noch an irgendetwas anderes zu denken oder sich mit anderem zu beschäftigen.

Wenn sie derartig von etwas besessen war, dann wollte sie nur noch für diese eine geliebte Sache leben, sie versuchte sich so tief es nur irgendwie ging darein zu vertiefen. Wenn ihre Zwangsvorstellung sich auf einen Menschen richtete, war Sex für sie nicht genug. Wenn es nur einen Weg gäbe, dann würde sie sich am liebsten in etwas Nichtkörperliches verwandeln, das in den Leib des geliebten Menschen eindringt, mit ihm eins wird, sich in seinen Knochen häuslich einrichtet oder irgendetwas in der Art. Für viele mag sich das merkwürdig anhören, aber für Aya war es eine ganz reale Vorstellung.

Die Zwangsvorstellung beherrschte Ayas Ich so vollkommen als wäre sie von dem Objekt ihrer Begierde wahrhaftig besessen. Sie war davon überzeugt, dass der Wahn immer dann die Gelegenheit ergreifen und sich plötzlich zu einer lebensgefährlichen Epidemie entwickeln würde, wenn ein Gefühl starken Überdrusses in ihr vorherrschte. In einem solchen Zustand der Langeweile konnte eine kleine Begierde sich rasant steigern und ausbreiten wie eine nicht behandelte Infektion. Im Gegensatz dazu bedurfte es,  wenn Aya gerade völlig in ihrem Alltagsleben aufging,  einer wirklich starken Zwangsvorstellung, um ihr Ich in seinem Alltagsenthusiasmus zu stören und zu verführen. Der Wahn gewann immer dann, wenn er stärker war als das Leben, das Aya gerade führte. Wenn sie sich zu sehr mit der fixen Idee, die sich aufdrängte, beschäftigte, dann lud Aya, ohne dass ihr dies bewusst war, diese Vorstellung ein, von ihren Gedanken Besitz zu ergreifen. Aber manchmal geschah auch das Gegenteil. Es konnte durchaus vorkommen, dass das Leben Aya attraktiver erschien als die sich aufdrängende Idee, sodass es ihr gelang sämtliche zwanghaften Vorstellungen abzuwehren und zu vergessen. Hingegen konnten die wahnhaften Ideen die Oberhoheit gewinnen, wenn Ayas Denken gerade ermattet war, wenn ihr Ich keinen Sinn mehr erkennen konnte und seine Existenz hinterfragte, wo ist mein Platz, was soll ich machen in dieser Welt, was ist der Sinn des Lebens, wenn sie sich pausenlos lauter solche Fragen stellte, bis sie schließlich in einen wahnhaften Zustand geriet, der sie an allem und jedem zweifeln ließ.

So war es zu der Zeit, als Aya noch gemeinsam mit Lukas in Depok lebte. Aya hatte vor einigen Monaten ihren Schulabschluss gemacht und war unschlüssig, was sie weiter anfangen sollte. Ihr war sehr langweilig. Sie unterrichtete viermal die Woche Englisch in einem Sprachkurs in Süd-Jakarta. Aber das genügte nicht, um die aufkommende Langeweile zu unterdrücken. Aya betrachtete Lukas als den nettesten und liebsten Mann, den sie jemals kennengelernt hatte. Sie war glücklich und zufrieden Lukas zu haben, aber das Gefühl des Überdrusses konnte sie trotzdem nicht abschütteln (nein, nicht weil irgendetwas mit Lukas nicht stimmte, sondern weil für Aya selbst etwas nicht in Ordnung war, sie wollte so vieles von der Welt, ständig hatte sie ein Bedürfnis nach drastischen Veränderungen, nach komplizierten Herausforderungen, nach großen Abenteuern und einem ganz anderen Leben). Aya schrieb weiterhin, aber nicht mehr so viel und so häufig wie zu der Zeit als sie damit angefangen hatte. Sie empfand ihre Texte als holprig und war oft unzufrieden mit ihren Entwürfen, die ihr langweilig und einfallslos vorkamen.

So gab sie schließlich ihrem in Routine erstarrten Leben die Schuld, das sie an einen bestimmten Ort fesselte und das ihr all ihr Handeln lediglich als eine Wiederholung des vorigen Tages erscheinen ließ. Wenn sie nachmittags nach dem Unterricht nach Hause kam, saß sie herum oder legte sich hin. Dann und wann schaute sie sich Fernsehprogramme an, die ihr ziemlich dumm vorkamen. Sie überlegte wie sie ihre Tage irgendwie schöner gestalten könnte. Bis sie schließlich eines Tages viele DVDs kaufte. Von da an kaufte sie ständig und jeden Tag DVDs, oder sie lieh sich welche in der nahe ihrer Wohnung liegenden Videothek. Sie begann sich jeden Tag Filme anzusehen (das schien ihr zu jenem Zeitpunkt zumindest attraktiver zu sein als irgendwelche anderen Aktivitäten).

An einem Tag im August sah sie sich Der Pate und Der Pate, Teil II an, und einige Tage später Hundstage. Nach den Filmen fühlte sie sich irgendwie merkwürdig und wie besessen von Al Pacino. Aya begann im Internet zu recherchieren, sie schrieb eine Liste mit den Titeln aller Filme, in denen Al Pacino mitgespielt hatte und lieh sie sich alle in der nahegelegenen Videothek aus. Sie schaute sich alle diese Filme an und nachdem sie Engel in Amerika gesehen hatte steigerte sich ihre Begierde ins Maßlose.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt bestand die Welt für Aya schließlich nur noch aus Al Pacino. Sie wurde zu einem wahren Al-Pacino-Maniac. Begonnen hatte alles mit der Rolle des Michael Corleone im Paten. Aya fand Michael unglaublich sexy.

Von nun an drehte sich alles nur noch um Al Pacino und Ayas zwanghafte Begeisterung begann sich allmählich auszubreiten wie ein Nebel, der ihr ganzes Denken infizierte. Es ging nun nicht mehr nur um die Rollen, die Al Pacino spielte, sondern um Al Pacino selbst! Um jedes Detail an Al Pacino. Ayas Denken war nicht mehr rational, was sie erlebte, fühlte sich hysterisch an. Lukas wurde etwas eifersüchtig, er schaute sich Scarface an, um herauszufinden, was denn an diesem Al Pacino so großartig sein sollte. Lukas war der Meinung, dass das, was Aya da durchlebte, höchst eigenartig sei.

Für Aya bestand die ganze Welt nur noch aus Al Pacino: die Filme, die sie sich immer wieder ansah, die Informationen, die sie im Internet suchte, ihre Träume, ihre sexuellen Phantasien und einige andere etwas peinliche Dinge. Ihre Zwangsvorstellung lenkte ihr ganzes Denken nur noch in eine Richtung, es war nur noch auf einen einzigen Ort fokussiert, ihr Blut schoss schneller durch die Blutbahn, ihre Gefühle und Emotionen reagierten brutal und alle Dinge, die sich nicht in den Kreis dieser Zwangsvorstellung einordnen ließen, begannen sich zu verflüchtigen. Aya gründete sogar einen Al-Pacino-Fan-Club im Internet und wurde deren Moderatorin. Häufig lud sie für die Gruppe Aufnahmen von Al-Pacino-Interviews oder von Paparazzis geschossene Videos hoch.

Eines Abends erschien ihr Al Pacino im Traum. Der Traum fühlte sich für Aya sehr real an. Sie konnte sich hinterher sogar an den Duft der Haare Al Pacinos erinnern.

Zu der Zeit war Aya wie von Sinnen. Sie war labil wie eine Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität.

***

SIE WAR AUF DER SUCHE NACH EINER ALTERNATIVEN WELT, DIE ES NICHT GIBT

Etwa drei Monate später fühlte Aya sich sehr matt und traute sich kaum noch aus dem Haus zu gehen. Sie war erschöpft und übertrieben ängstlich. Sie kannte diese Phase bereits aus früheren Zeiten: damals hatte eine Zwangsvorstellung ihr alle Energie geraubt und sie in einen solchen Zustand der Unsicherheit versetzt, der es ihr schließlich verunmöglichte überhaupt noch ihren alltäglichen Pflichten und Aufgaben nachzugehen. In dieser Phase kam aber schließlich auch der Zeitpunkt, von dem an die Intensität der Zwangsvorstellung allmählich nachlassen würde. Aya, die sich zuvor völlig ihrem besessenen Begehren hingegeben hatte, begann nun sich wieder der Realität zu öffnen, sodass die wahnhafte Begierde an Kraft verlor. Die Verunsicherung, die ihr Ich beinahe zu Fall gebracht hatte, ließ sie nun erkennen, dass ihre Besessenheit jeglicher Vernunft widersprach. Sie wusste doch, dass Al Pacino in einer anderen Hemisphäre lebte. Und sie wusste auch, dass sie sich nicht in etwas Nichtkörperliches verwandeln und in Al Pacinos Knochen eingehen könnte. Ihr wurde bewusst, dass es keinen Grund gab derartig von Al Pacino besessen zu sein. Sie vergegenwärtigte sich, dass Al Pacino letztendlich auch nur ein ganz gewöhnlicher Mensch war. Ihr stand nun klar vor Augen, dass ihre Besessenheit völlig sinnlos und eigentlich ziemlich peinlich gewesen war. Aya begann nun im Nachhinein an dem, was sie gerade durchlebt hatte, zu zweifeln. Pausenlos befragte sie ihr Selbst und versuchte zu analysieren, wie sie in eine solche Hysterie hatte verfallen können.

Aya gab ihrem immergleichen Tagesablauf, ihrer Langeweile und ihren depressiven Stimmungen die Schuld am Entstehen ihrer akuten und chronischen Zwangsvorstellungen. Aya fand wirklich alles absolut langweilig. Manchmal ließen Langeweile und Depression sie endlos lange schlafen. Und wenn der Morgen graute, hatte sie keine Lust aufzustehen. Sie war sich nicht sicher, was sie eigentlich wollte, aber eines war klar: dass es etwas anderes war als das Leben, das sie führte.

Aya fühlte sich nicht gesund. Sie hatte das Gefühl, als ob ihre Körpertemperatur nicht gleichbleibend war und als ob ihr Körper nicht in der Lage sei seine Temperatur so zu regeln, wie es sich gehörte (sie fand, dass es sich um eine eigenartige Krankheit handelte, einen ungewöhnlichen Zustand des  Nicht-Gesund-Seins – aber sie war nicht in der Lage eindeutig und verständlich zu erklären, was sie da eigentlich fühlte). Mit dem Problem der Körpertemperatur verhielt es sich Ayas Meinung nach wie folgt: wenn es sehr heiß war, fror sie, und wenn sie sich in einem kühlen Raum mit Klimaanlage aufhielt, begann sie oft zu schwitzen. Aya wusste nichts Genaues, nur dass sie sich unwohl und nicht gesund fühlte, das war eindeutig. Hinzu kamen Magenprobleme. Oft war ihr, als wenn sie sich übergeben müsste. Die Hustenanfälle waren so heftig, dass sie dabei ins Schwitzen geriet. Ihr Gesicht färbte sich dann rot und sie hatte ein Gefühl als wenn ihre Augäpfel herausspringen wollten. Es fühlte sich an als ob sie einen stacheligen Stein im Magen liegen hätte – was ihrer Meinung nach darauf zurückzuführen war, dass sie zuviel rauchte, oder vielleicht auch daran lag, dass sie oft das Essen vergaß. Manchmal hatte sie auch Durchfall (nein, es handelte sich nicht um Magersucht, wie Lukas vermutete, Aya war sich absolut sicher, dass sie nicht an Anorexie litt).

Aya versuchte sich gedanklich und gefühlsmäßig darüber klar zu werden, ob ihr Leiden tatsächlich eine Krankheit war oder nur die Folge ihrer chronischen Niedergeschlagenheit und Depressionen, die sie niemals abwerfen konnte; Aya war sich nicht sicher. Einige Zeit später begann sie allmählich immer mehr davon überzeugt zu sein, dass ihr Leiden psychosomatisch sei, eine Folge ihrer Verspanntheit und ihrer depressiven Verstimmtheit, die latent an ihrem Körper nagten.

Eines Morgens wachte Aya aus einem traumreichen Schlaf auf. Sie konnte sich an keinen der Träume erinnern, aber ihr Schlaf war durch das Träumen unruhig und oberflächlich gewesen. Aya beschloss ihr Leben zu verändern. Sie entschied sich, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ein gänzlich neues zu kreieren.

Aya erzählte Lukas von ihren Plänen und zum wiederholten Male war Lukas, der durch Ayas merkwürdiges Verhalten und ihre labilen Emotionen ohnehin total verwirrt war, völlig sprachlos. Er war traurig. Ihm war klar, dass er nichts ausrichten konnte, denn er hatte ja schon so lange mit ansehen müssen, dass Aya nicht glücklich war. Er hatte auch keine Vorstellung davon und konnte nicht nachvollziehen, was eigentlich in Ayas Kopf vorging. Ayas Plan war, ihr Auto zu verkaufen, all ihr Geld vom Konto abzuheben und mit nur zwei Koffern Gepäck nach Europa zu reisen. Lukas bemühte sich, Aya von ihrem Plan abzubringen, aber ihre Entscheidung stand fest und war unumstößlich.

“Also wirst du einfach so weggehen, ohne dir wirklich ernsthafte Gedanken über deinen Plan gemacht zu haben. Was ist mit allem anderen, ist dir eigentlich bewusst wie egoistisch du bist?” fragte Lukas.

Aya schwieg. Ihre Augen hingen ausdruckslos Tagträumen nach.

“Du bist doch wahnsinnig. So kann man nicht leben!” fügte Lukas hinzu.

“Ich denke, der Wahnsinn besteht eher darin, dass ich nicht viel früher auf den Gedanken gekommen bin fortzugehen”, antwortete Aya.

***

(übersetzt von JörnHolger Spröde)

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